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Full text of "Die göttliche Rowe"

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Die göttliche 
Rowe 




Theodor Vetter 




DIE GÖTTLICHE KOWE 



VON 



THEODOR VETTER 




ZÜRICH 

DRUCK VON FUIKDIMCII .m'HCI.TIIKSS 
1804 



^;Li3i(ARy;ir) 



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„Die göttliche Howe". 

Von Theodor Vetter. 



Von den ältesten Zeiten bis auf die jüngste Gegenwart 
haben auf englischem Boden neben den kräftigen Tonen männ- 
licher, heldenhafter Dichtung auch die milden, sehnsüchtigen 
Klänge weiblicher Poesie einen wohlwollenden, dankbaren Hörer- 
kreis gefunden. Gleiehgiltig ist , ob Frauen wirklich selbst das 
Wort ergriffen, oder ob Männer ihnen die schönen Gedanken 
und Verse in den Mund gelegt haben : willkommen war offenbar 
stets der Ausdruck weibliehen Empfindens. Von dem rührenden 
Jammer des Weibes, das — in einem der ältesten Rätsel — 
den abwesenden geliebten „Wolf" zurückwünscht, und der Klage 
der Frau, die von Sehnsucht und Trauer um den teuern Gat ten, 
von dem Verbannung sie getrennt hat, verzehrt wird, bis auf 
die wortreicheren Ergüsse einer Felicia Hemans oder die tief- 
sinnigen Betrachtungen einer Elizabeth Barrett Browning er- 
streckt sich in England das Interesse an „weiblicher" Poesie. 
Und mag auch die Überproduktion moderner Romanschrift- 
stellerinnen die literarische Tätigkeit der Damen vorübergehend 
in Misskredit bringen, so ist nicht zu befürchten, dass echte 
Poesie auch aus weiblichem Munde nicht immer wieder auf die 
beste Aufnahme rechnen dürfe. 

Die Regierungszeit der letzten Stuarts und der ersten 
Hannoveraner war im allgemeinen für die Anerkennung weib- 
lichen Talentes nicht die günstigste Periode. An sehriftstellernden 
Frauen fehlte es allerdings nicht, zumal auf dem Gebiete des 
Dramas machten sie gewaltige Anstrengungen; aber ihre Werke 
waren so sehr von der leichten Moral der Zeit durchdrungen, 
dass es durchaus begreiflich erscheint, wenn die hervorragendsten 
Geister gegen solche Tätigkeit sich ablehnend verhielten, wendet 
sich doch selbst der Literarhistoriker der Gegenwart mit Wider- 
willen von den Produkten einer Frau Aphra Belm (KU2— HISO) 
oder einer Frau Manley (v 1724) ab. Um so wohltuender ist es, 
gerade unter solchen Verhältnissen einer Schriftstellerin zu bc- 



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gegnen, deren Gesinnung uns heute noch Hochachtung einflösst, 
selbst wenn wir ihre Denkungsart nicht zu teilen vermögen; 
deren poetisches Können wir eingestehen müssen, auch wenn 
uns dasselbe wenig zu begeistern inj stände sein wird. 

Elizabeth Rowe, geborne Singer, hat nicht nach dem 
Ruhme des Dichternamens gestiebt, hat nicht durch die sonst 
damals übliche Widmung ihrer Schrjften an hochgestellte Per- 
sonen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht, hat sich 
nicht bemüht , mit den literarischen Grössen ihrer Zeit, in Ver- 
bindung zu kommen. Ihre Dichtungen sind der anspruchslose 
Ausdruck eines einfachen, frommen Herzens, nicht berechnet zu 
glänzen vor der Welt, sondern nur veröffentlicht, um Gesinnungs- 
genossen zu gewinnen. Wenig Beachtung scheint ihnen in weiteren 
Kreisen Englands zu teil geworden zu sein-, selten nur fiudet man 
den Namen der Dichterin bei ihren Zeitgenossen genannt. 1 Ver- 
geblich sucht man heute in einem Dutzend moderner Literatur- 
geschichten nach genaueren Angaben über Elizabeth Rowe. Doch 
was die Heimat versagte, gewährte das Ausland. Frankreich 
schätzte die Werke der Elizabeth Rowe '" ; Deutschland besass 
schon 1745 eine Übersetzung ihrer Dichtungen; Ewald Christian 
von Kleist war mit denselben vertraut, Klopstocks Gemahlin 
Margaretha ahmte die Engländerin nach, Klopstock selber nennt 
ausser Milton wohl keinen englischen Dichter so oft und so be- 
geistert wie die „göttliche Rowe", „die himmlische, die fromme 
Singer", und ihr verdankte er reiche Anregung; ja auch Wie- 
land lebte während seiner ersten Dichtertätigkeit ganz in dem 
Zauber, mit dem ihre Werke ihn gefangen hatten. Nur mit 
wenigen Worten pflegen die Untersuchungen über die eben ge- 

1 Auf die von Elwin in «einer Ausgabe von Pope's Works, London 1871, 
Vol. II p. 243 und 216 hervorgehobenen scheinbaren Entlehnungen ist nicht 
viel zu geben. Elizabeth Rowe schreibt 1715 in dem Gedichte auf den Tod 
ihres Gatten: „A dying lover pale and gaaping lies" ; Pope 1717 in „Eloisa 
to Abelard* Vers 100: „A naked lover bound and bleeding lies". — Ferner 
Frau Rowe in der Dichtung „On the Creation" : „And kindlinfif glories brighten 
all the skies"; Pope in der genannten Dichtung Vers 14(5: „And gleams of 
glory brightened all the day a . 

'» L 'anritte apres la mort etc. par Madauie Rowe. Trad. de l'Anglois 
sur la cinqnieme editiou. Genöve 1753. 2 vols. Die französische Übersetzung 
erschien zum erstenmale in Amsterdam 1710 in 2 Bänden. Die mir vorliegende 
Ausgabe ist ein Nachdruck. 



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— D — 

nannten deutschen Dichter dos englischen Vorbildes zu gedenken; 
um das, was Elizabeth Howe geleistet, scheint sich niemand mehr 
zu kümmern: so möge denn das Gedächtnis der edelgesinnten 
Dichterin wenigstens um der Wirkung willen, die sie auf einen 
bestimmten Kreis der deutschen Poesie ausgeübt, in Kürze 
wieder erneuert werden. 

Bekanntlich hatte England neunzig Jahre nach Frankreich 
auch seine St. BartheMemy. War dieselbe auch weniger blutig 
als die Schreckensnacht von Paris, so war sie in ihren Folgen 
doch kaum von geringerer Tragweite. Der Kontinent hat den 
Kampf der Reformation in heftigen Zusammenstössen durch- 
gemacht; das britische Reich wurde immer und immer wieder 
von Krämpfen durchzuckt, die seinem religiösen Leben schliess- 
lich eine Richtung gaben, um die es kaum ein Land beneiden 
dürfte. Katholizismus und Protestantismus haben selbst in ihrer 
starrsten Form etwas Einheitlicheres, Befriedigenderes an sich 
als die Kirche Englands mit ihrer Halbheit; durch die Bestimmt- 
heit ihrer Lehre führen sie weit sicherer zu einer wahrhaft 
freien Geistesentwickeluug, als ein kirchliches System, das von 
Anfang an sich zersplittert hat, so dass verhältnismässig kleine 
Gruppen nun ängstlich an ihren Formeln und Doktrinchen fest- 
halten und — wenn sie überhaupt etwas Neues hervorbringen — 
nur ungesundes Sektenwesen zu zeugen im stände sind. Eine 
jener unglückseligen Zuckungen war der sog. St. Bartholomew's 
Day von 16G2. Auf diesen Tag hatten alle diejenigen Geist- 
lichen, die sich den Satzungen der Staatskirche nicht unter- 
werfen wollten, ihre Stellen zu verlassen. Damit schnitt die 
Letztere das Band entzwei, das sie bisher noch mit der re- 
formatorischen Bewegung verknüpft hatte. Wohl schlössen sich 
die Anhänger aller nicht staatskirchlichen Richtungen nun als 
Nonconformisten fester zusammen, doch fehlte ihnen der günstige 
Grund und Boden zu gesunder Entwickelung. Karl IL strebte 
allerdings darnach, das Los der Dissenters zu erleichtern — 
nicht um ihretwillen, sondern um den Katholiken Vorteile zu 
verschaffen — , aber das Parlament trat dein Könige schroff 
entgegen: die Verfolgung nahm ihren ungehinderten Lauf, bis 
die Söhne des enthaupteten Königs vom Schauplatze abgetreten 
waren und ein milderes Regiment allmälig zu allgemeiner Duldung 
hinüberleitete. 



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I Hillen wir uns wundem, dass in den Tagen der Not und 
Bedrängnis gar Manchen das Versenken in eine mystische Welt- 
anschauung grösseren Trost verlieh, als ihnen von einer klaren 
und einfachen Heilslehre hätte zu teil werden können? Liegt 
es nicht im Wesen der menschlichen Seele begründet, dass 
Tausende sich bei einer geheimnisvollen Gottesanbetung glück- 
licher fühlen, als in einem anspruchslosen Gottesdienste oder in 
einer von der Vernunft diktirten Verehrung der Allmacht? Der 
Kesselflicker von Elstow und seine „ Pilgerfahrt zur seligen Ewig- 
keit" stehen in jenen diistern Zeiten nicht vereinsamt da. sie 
sind vielmehr die Repräsentanten fast aller Verfolgten und 
Unterdrückten, und wenn uns die Predigt eines John Buryan 
kaum mehr zu fesseln vermag, so war sie vor zweihundert 
Jahren doch für zahllose Scharen das gewaltigste Wort, das 
sie vernehmen konnten. 

In Bnnyan'seher Atmosphäre wuchs Elizabeth Singer auf. 
Als nonconformistischer Gefangener war ihr Vater nach liehest er 
in Somersetshire gekommen, Elizabeth Portnell hatte ihm und 
seinen unglücklichen Genossen Trost zu bringen versucht , ge- 
wann ihn lieb und heiratete ihn nach seiner Freilassung. Drei 
Töchter gingen aus dieser Ehe. hervor, Elizabeth Singer war 
die älteste und hatte das Licht der Welt am 11. Sept. 1G74 er- 
blickt. Früh erwachte die fromme Gesinuung der Eltern auch in 
ihrem Herzen. r My infant-hands were early litt up to thee, and 
1 soon learned to know and acknowledge the God of my fathers." 
Zeichnen und Malen verschafften ihr manche glückliche Stunde, 
feierliche Musik entzückte sie. sie fühlte die Übereinstimmung 
derselben mit ihren ernsten Empfindungen. Im zwölften Jahre 
soll sie die ersten Verse niedergeschrieben haben, zehn Jahre 
später — IßDG — Hess sie sich durch Bekannte überreden, 
anonym ein Bändchen Gedichte im Druck herauszugeben. Als 
Philomela wurde sie von nun an im Freundeskreise verehrt, 
ohne dass sie sich des Ruhmes hätte freuen mögen. Es lag ihr 
sclnvei- auf dem Gewissen , dass sie in einigen ihrer Gedichte 
die Lebensfreude besungen; waren es auch die unschuldigsten 
Vergnügungen, die sie gepriesen, sie empfand es doch als ein 
Unrecht, nicht ausschliesslich der christlichen Tugend gedient 
zu haben. Um so eifriger stellte sie nun ihr Talent in den Dienst 
der geistlichen Dichtung; eine schwungvolle Paraphrase des 



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— 7 — 



38. Kapitels des Buches Hiob iu fimffüssigen Jamben ^ribt davon 
Zeugnis. 2 Gewissenhaft trieb sie auch das Studium des Fran- 
zösischen und Italienischen; Henry Thyune, der gelehrte Sohn 
des Viscount Weymouth unterrichtete sie in diesen Sprachen. 
Nach wenigen Monaten schon war sie im stände Tasso zu lesen 
und später fand sie grossen Genuss darin, Stücke aus dem be- 
freiten Jerusalem ins Englische zu übertragen. 3 

An Verehrern fehlte es der anmutigen Dichterin nicht; doch 
schien irdische Liebe sie nicht fesseln zu können, nur reine 
Freundschaft war ihr Ziel: 

„A Oranger to the loose dolights of love, 

My thoughts the nobk-r warmth of friendship prove" 

singt sie als Sylvia in dem Schäfergedichte „Liebe und Freund- 
schaft". 1 Unter denjenigen, die sich ihr näherten, war auch der 
Dichter Matthew Prior. Vergeblich warb er um die Liebe der 
Unerbittlichen. 5 Erst im 35. Lebensjahre traf Elizabeth Singer mit 
demjenigen zusammen, dem sie die Hand zum Ehebundo zu reichen 
sich entschliessen konnte. Sie lebte damals in der Nähe von Bath, 
als der erst 22jährige Thomas Rowe zu einem Aufenthalte nach 
dem berühmten Badeorte kam und in ihren Gesellschaftskreis 
eingeführt wurde. Als Bewunderer ihrer Dichtungen hatte er 
sich ihr genähert, als erklärter Liebhaber nahm er von ihr 
Abschied. Der jugendliche Kowe war der Geliebten würdig. 
Nach einer tüchtigen Erziehung zu Hause hatte er sich zum 
Zwecke juristischer Studien nach Leyden begeben und von dort 
nicht nur eine gründliche Kenntnis der alten Klassiker, sondern 
auch eine bleibendeBegeisterungfiirdiefreiheitlichen Einrichtungen 
der Niederlande mit nach Hause gebracht. Mit seiner Gelehr- 
samkeit verband er eine seltene Gewandtheit in Rede und Schrift 
und ein aussergewöhnliches Gedächtnis. Gerne beschäftigte er 
sich mit Geschichte und fasste schon früh den Plan, die Bio- 
graphien aller derjenigen berühmten Männer des Altertums zu 

•'The Works of Mrs. EHzuIm-iIi Howe. Lou.lon 1 79G. III, 75. 
»Aus Buch IV, VII, XIII und XVI (Works, Vol. III p. 8, 29, 15« und 
162, 2:3). 

* Works III, 17. 

•Prior, Poems on several oceasious. (ilasgow 1751. I. 4», wo aueli das 
S< hätergedicht der Elizabeth Singer sich findet. 



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sehreiben, welche Plutarch in seinem Werke übergangen hatte. 
Doch sind erst nach Howe s Tode acht solcher Biographien im 
Drucke erschienen, während ein Leben des Thrasybul in den 
Händen Richard Steeles verloren ging, der es zur Durchsicht 
erhalten hatte. Aber die Angehörigen und Freunde des Verfassers 
hatten die Genugtuung, dass die acht Stücke 1734 ins Französische 
übersetzt und mit einer anerkennenden Einleitung verseilen der 
Übersetzung des Plutarch beigefügt wurden. 

Nicht ohne Grund hat ein poetischer Freund Thomas Rowe's 
dessen Verbindung mit Elizabeth Singer in lateinischen Versen" 
dem Bunde verglichen, der die berühmte Homerübersetzeriu 
Anne Lefevre mit dem gelehrten Andre Darier vereinigte-, jedoch 
war dem englischen Schriftstellerpaare kein jahrzehntelanges 
fruchtbares Zusammenwirken, sondern nur eine fünfjährige 
— allerdings sehr glückliche — Ehe beschieden. Schon im Mai 
1715 starb Rowe infolge einer langwierigen Lungenkrankheit. In 
einer Elegie beklagt die bedauernswerte Witwe den Tod des 
geliebten „Alexis", 7 und nochmals erneut sich ihr Jammer, als 
der Jahrestag des Scheidens wiederkehrt: 

Wbile wy Alexis withers in the tomb, 
Unthuely cropt, not sees a second bloom, 
The (airest season of the changing' year, 
A wild and wintry aspect seems to wear; 
The flow'rs no more tbeir former beauty honst, 
Their painted hue, and fragrant seents are lost. 
The joyous birds tbeir barmony prolong, 
Bnt, oh! I find no music in their song! * 

Die 22 Jahre, die Elizabeth Rowe noch beschieden waren, 
verbrachte sie in stiller Zurückgezogenheit. Mit ihrem Gatten 
hatte sie in der Nähe von London gelebt, jetzt begab sie sich 
wieder nach Somersetshire und schlug ihren Wohnsitz in Frome 
auf, wo ihr Gut lag. Nur vorübergehend Hess sie sich bewegen, 
bei Freundinnen längere Besuche zu machen; ihre Zeit gehörte 
ganz dem Wohltun und der Schrift st ellerei. Hier entstanden 
die Werke, welche den Namen der Elizabeth Rowe über die 
Grenzen Englands hinaustrugen: Die Freundschaft im Tode, in 

"Works IV, ;m<>. 
'Works III, 122. 
"Works III. 12G. 



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zwanzig Briefen von Toten an Lebende ; 172*), und die Moralischen 
und unterhaltenden Briefe, in Prosa und Versen (I. Teil 1721», 
II. Teil 1731, III. Teil 1733). Schon in früheren Jahren hatte 
sie ein Epos ^Joseph" in acht Büchern gedichtet, die Erzählung 
schloss mit der Verheiratung Josephs. Durch eine Freundin liess 
sie sich bewegen, zwei Bücher hinzuzufügen und die ganze 
Dichtung zu veröffentlichen (173(5). Das war ihr letztes Auftreten. 
Erst später erschienen auch noch die „Geistlichen Übungen" 
(Devout Exercises), die aus verschiedenen Zeitabschnitten ihres 
Tiebens zu stammen scheinen. Am 20. Februar 1737 schied die 
Dichterin aus dem Leben mit der festen Überzeugung, nun zu 
der Herrlichkeit einzugehen, mit der sich ihr Geist so oft und 
so gerne beschäftigt hatte. Ein halbes Dutzend umfangreicher 
Elegien folgten ihrem Tode; sie wurde als der Ruhm ihres Ge- 
schlechtes und ihres Zeitalters gepriesen: 

Thon glory of thy sex and age, f'arewell ! 
Thy various virtues futnre bards shall teil; 
Men yet unborn thy meiu'ry .shall revere, 
And wet thy marble witb a pions tear, et«-. ^ 

Unsterbliekeit wurde ihr prophezeit — und heute ist Elizabeth 
Rowc in England so gründlich vergessen, dass selbst die umfang- 
reichsten Nachschlagewerke für ihren Namen keinen Raum er- 
übrigen können. 

Und begehen die englischen Literarhistoriker ein so grosses 
Unrecht, wenn sie Elizabeth Rowe in ihren Darstellungen nicht 
berücksichtigen ? 

Die kürzeren Werke der Dichterin sind zusammengefasst 
unter dem Titel: „Poems on several occasions/" Legen wir 
die ziemlich zahlreichen Übersetzungen und Paraphrasen aus 
Tasso, aus Guarini's Pastor fido. aus den Psalmen und dem 
alten Testament im allgemeinen beiseite, so überrascht uns in 
den selbständigen Dichtungen vor allem die Ähnlichkeit mit 
Milton. Nicht der Stott* allein ist's — die Schöpfung, 12 eine 
Beschreibung der Hölle," — der an das Verlorene Paradies er- 

9 Works IV, atü. 

10 Die Kneyelopaedia Britannica erwähnt Elizabeth Kowk nicht. 

1 1 Eine Cbenchrift, wie wir sieatuh bei Prior, Addison, Gay u. a. wieder finden. 
»* Works III, 13. 

"Works III, <>:i. 



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innert, auch die ganze Ausdrucksweise und dazu die fünlttissigen 
Jamben verraten das grosse Vorbild. Freilich fehlt der Frau 
Rowc die imposante Gelehrsamkeit, Uber die Milton gebietet: 
spärlich stellt sich bei ihr das poetische Bild ein, und zum wahr- 
haft Uberzeugenden Pathos erhebt sie sich selten. Aus derselben 
Quelle, aus echter religiöser Begeisterung fliessen Beider Werke; 
aber zum gewaltigen Strome ist die Dichtung des Einen an- 
gewachsen, während das Werk der Andern ein bescheidenes 
Bächlein geblieben ist, das anmutig und gleichförmig durch die 
Wiesen dahinmurmelt. Die zahlreichen Selbstgespräche (Devout 
Soliloquies, Works III, 179—245) legen Zeugnis ab von einer 
reinen und frommen Seele, welcher indessen die Tiefe der Er- 
fahrung, das Feuer der Leidenschaft abgehen. 

Am ängtlichsten hat sich Elizabeth Howe in ihrem schon 
oben genannten Epos „Joseph" an Milton angeschlossen. Nach 
althergebrachter Sitte — doch bei ihr ist eben weder an Homer 
noch an Vergil, sondern an den Dichter des Verlorenen Paradieses 
zu denken — eröffnet sie das erste Buch mit einer Anrufung 
der Muse: 

Cttlestial Muse, that on tlio Wissful pluin 

Art oft invokM, to <j;<n<l«' th'immortal strain; 

Inspirol by thee, tho tirst-ltorn sons of li^ht 

IlailM the creation in a tnneful lliurlit: 

I'Ieas'il witli thy voii<', th»! spliores liegan thdv round, 

The niominif-stars tlain'il to ihr <hannin<j souml; 

Yct thou h:\at offen left tlie i-rystal tow'rs, 

To visil mortui« in tlieir lmmlilc bow'rs. 

Und wie Milton uns nun in die Hölle geleitet zu den Scharen 
der gefallenen Engel und zum furchtbaren Fürsten der Finsternis 
selbst, so folgen wir der Dichterin ins Tal ilinnon " zum Tempel 
des .Moloch, wo die bösen Mächte sich versammelt haben, den 
Untergang des Volkes Israel zu beschliesseii. Dinah, die Tochter 
.Takobs und der Lea, soll von Sichern, dem iieviter, geschändet 
werden |:, ? und im Versuche, diese Freveltat zu rächen, soll das 
Geschlecht Abi ahams sein Ende finden. 31 it. lieblicher Schilderung 
des Gastmahls, das Sichern und seine Schwester clor Tochter 
Jakobs und ihren Gespielinnen bereiten, beginnt das zweite 

"Hinnou: 2 Kön. :2:>, ilt ; .lerem. 7,,,; 1'.»,,, 
"I. Mos. Hl 



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— u - 



Bucli. Das Verbrechen wird begangen, die Rache folgt auf dem 
Fusse; aber die Beleidigten unterliegen nicht: sie freuen sich 
ihres Sieges und der Schilderung der Heldentaten ihrer Vorfahren. 

Wiederholt wird man an das sechste Buch des Verlorenen 
Paradieses erinnert, jedoch zum grossen Nachteile der Sängerin. 
Sie hat die Schrecken des Bürgerkrieges nicht miterlebt, sie 
hat den Siegesruf von Oomwell's begeisterten Scharen nicht 
vernommen. — Nun versuchen die Geister der Finsternis auf 
andere Weise Zwietracht zu säen, unter Jakobs Kindern 
erhebt sich Streit. Die ganze Geschichte Josephs und seiner 
Brüder ,ß wird erzählt, mit besonderer Ausführlichkeit sein Ver- 
hältnis zu Sabrina, dem Weibe Potiphars. Eine abgeschlossene 
Episode bildet Buch V, in welchem die Zofe der Sabrina, um 
ihre Herrin zu unterhalten, die Sage von Ninus und Semiramis 
einflicht; worauf die Dichterin wieder zur biblischen Über- 
lieferung zurückkehrt. Während Joseph im Gefängnisse Wunder 
verrichtet und sich die Liebe Aller erwirbt, wird Sabrina von 
schweren Gewissensqualen heimgesucht und bekennt sterbend 
ihre Schuld: 

If there ate gods that human things regard, 
My nionstrous crimes will meet a just reward. 
Oh saored virtue! at thine awfnl naine 
I start, and all my t'ormer thoughts diselahn; 
For thou art no fantastic empty thing, 
Krora theo alone unmingled pleasures spring. 

Nach ihrem Tode wird dem unschuldig Gefangenen die höchste 
Ehre erwiesen und Pharao will ihm seine Tochter zum Weibe 
geben 17 , er aber heiratet die schöne, der Tsis geweihte Priesters- 
tochter Asenath. 

Hier endete in erster Fassung das Gedicht, Zweifellos ist 
in der Geschichte Josephs die Versöhnung mit seinen Brüdern 
ein sehr ansprechender Abschnitt; aber die Kürze, mit welcher 
Frau Howe in ihren alten Tagen die Erzählung zu Ende führte 
(Buch IX und X) — es soll die Arbeit weniger Tage sein ,s — , 
war für die Dichtung wie für den Ruhm der Dichterin kaum 
ein Gewinn. In den früheren Gesängen hatte sie neue, cigen- 

Nach 1. Mos. 37, 89 u. ff. 
1? Abweichend von 1. Mos. 41, 4V 
'"Siehe Works IV, p. 333. 



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artige Züge mit Geschick in die bekannte Handlung verwoben, 
liier ist im Gegenteil manches weggelassen. Das Gedicht schliesst 
mit Jakobs Ausruf: 

My Joseph Uvea! transporting trutli, Ii« eries, 
TU see bis face and closo my aged eye» : 
Content, resign these poor renmins of breath, 
And gently rest in tbe calin Rhades of deatb. 

Jene ergreifende Scene des Wiedersehens zwischen Vater und 
Sohn bat keine Stelle mehr gefunden. 

Bei dem (gleich zu erwähnenden) Anklang, den die Werke 
der Elizabeth Kowe auf deutschem Boden gefunden, liegt die 
Vermutung sehr nahe, es möchten auch die zahlreichen Joseph- 
Dichtungen der Fünfzigerjahre des 18. Jahrhunderts in Beziehung 
zu der englischen Dichtung stehen. 20 Das dürfte sich indessen 
m. E. kaum nachweisen lassen. Weder Bodmers Jakob und 
Joseph (Zürich 1751), noch dessen Dina und Sichern (Trosberg 
d. h. Zürich 1753), noch Joseph und Zulika (Zürich 1753), noch 
die „tragischen Styke u , der erkannte Joseph, und der keusche 
Joseph (Zyrich 1754) haben mit dem Rowe'schen Joseph mehr 
gemein, als was die gemeinsame biblische Quelle enthält. Und 
doch war Elizabeth Kowe dem Bodmer'schen Kreise bekannt. 
Wieland hat zur Verteidigung der unglückseligen dramatischen 
Machwerke Bodmers einen Vorbericht und eine Anzahl Briefe 
geschrieben; im letzten derselben" bezieht er sich auf die „Letters 
moral and entertaining". 

Ganz eigenartig nimmt sich unter all den religiösen uud 
Schäferdichtungen das Liebeslied eines Lappländers" 
aus, für dessen Entstehung uns leider das Datum fehlt, Be- 
kanntlich hat es in England zu allen Zeiten Dichter gegeben, 
welche Sinn für die Schönheiten der Volkspoesie besassen. 
Shakespeare's Kante müsste hiebei obenan stehen, auch Sir Philip 



1. Mos. 4« f|a . 

"In der Ode: „Die künftige (»ellebte" - gedichtet Ende 1717 oder 
Anfang 1748 — wird Elizabeth .Singer von Klopstock als Dichterin des 
Joseph erwiibnt: 

Ist, Sinirer, dein heiliger Nähme? 

Singer, die Joseph und den, welchen sie liebte, besang. 
n Schreiben des Heransgebers an Herrn J(ohann) Caspar) Iliess). 
" A Lapplander's Song to bis Mistress. Works III, 101. 



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Sidney, Ben .Tonson, ja sogar Prvden waren Bewunderer rde 
Volkslieder; unzweifelhaft das grösste Verdienst aber hat sich 
Addison erworben, der im Spectator wiederholt 2;< und ausführlich 
den Wert dieser Dichtungen hervorhebt. Ist es nicht begreiflich, 
dass auch sein Genosse Steele an der Begeisterung teilnahm? 
Zweimal 24 kommt er auf diesen Gegenstand zu sprechen und zwar 
ausgehend von dem Werke eines Deutschen. Der Strassburger 
Johannes Scheffer (geb. 1(521) war wegen seiner grossen Gelehr- 
samkeit von der Königin Christine nach Schweden berufen worden 
und bekleidete in der Folge die Stelle eines Professors der Rechte 
und der Rhetorik an der Universität Upsala. Unter seinen zahl- 
reichen Werken befindet sich auch eine Beschreibung Lapplands 
in lateinischer Sprache, welche sofort nach dem Erscheinen ins 
Englische übersetzt wurde. 93 Diese Schrift enthält ein lappländisches 
Liebeslied, das dem scharfen Auge des „Spectator" nicht ent- 
gehen konnte. In einer Übertragung von Ambrose Philips« 0 macht 
er seine Leser damit bekannt und bemerkt, dass sich in diesem 
einfachen Liede Gefühle der Liebe finden, die der Griechen und 
Römer würdig wären. Bedeutungsvoll für Elizabeth Rowe ist 
nun, dass auch sie diese Schönheiten empfand; ob sie aber die 
Anregung von Steele empfangen, oder ob sie mit der Oxforder 
Übersetzung vertraut war, lässt sich kaum entscheiden. 27 



is No. 70, 74, 85. 

w No. 366 (30. April 1712) und 406 (16. Juni 1712). 

«Lapponia 1673; die Oxforder Übersetzung- 1674. Eine deutsehe Über- 
setzung folgte „Franckfurt am Mayn und Leipzig" 1675. 

u Kr war Addison'* Freund und wurde von Pope aufs Bitterste verfolgt. 

i7 Um dem Leser die Lösung dieser Frage zu ermöglichen, gebe ich hier 
den Anfang der drei Übersetzungen: 

a) Oxforder Ausgabe 1674. 

With brightest beams let the sun shine 

Ou Orra Moor. 

Could I he sure 
That from the top o' th' lofty pine 
I Orra Moor lnight. see, 
I to Iiis highes t bough wonld elimb, 
And with industrious iabour try 

Thenee to descry 
My mistress if that there she be. 



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Wohl hat die Bearbeiterin allerlei Wendungen, die keine 
Volkstümlichkeit beanspruchen dürfen; aber sie ist die?Erste. 
die den guten Geschmack besass, statt aller Künsteleien die 
populäre Chevy-Ohase-Strophc zu gebrauchen. Das kleine Liedchen 

Could I but kuow auiidst what flowers 
Or in what shade ehe stays, 

The gaudy bowers, 
With all thoir verdaut pride 
Their blossoms and their sprays, 
Which make niy mistress disappear, 
And her in envions darkness lüde, 
I from tbe roots and beds of earth would fear, etr. 

b) Steele (rcsp. Ambrose Philips) 1712. 

Thou rising snn, whose gladsonie ray 
Invites my fair to rural play, 
Dispel the mist, and clear tbe skies. 
And bring my Orra to my oyes. 

Oh! were I sure my deav to view, 
l'd clinib that pine-tree's topmost bough, 
Aloft in air that quivering plays, 
And round and round for ever gaze. 

My Orra Moor, where art thou laid? 
What wood conceals my sleeping maid? 
Fast by the roots enrag'd I II tear 
Tbe trees that bide my promis'd fair. ete. 

e) Elizabeth Rone. 

Shine ont, resplendent god of day, 

On my fair Orra inoor; 
Her charms thy most propitious ray 

And kindest looks allure. 

In mountain, vale, or gloomy grove, 

l'd elimb the tallest free, 
Conld I from thenee my abseilt love, 

My eharuiing rover see. 

l'd venture on a rising eloud, 

Aloft in yielding air, 
From that exalted Station proud, 

To view the smiling fair. 

Should sbe in some sequester'd bow'r, 

Among the branches bide, 
l'd tear off ev'ry leaf and fiow'r, 

Till there sbe was desery'd. ete. 

Man möge dazu auch die deutsche Obersetzuiig von 107f> p. .'i21 vcrglci. bcn. 



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hat übrigens in der deutschen Literatur seine Geschichte. 58 
Ewald Christian von Kleist hat es 1757 frei bearbeitet un<Tein 
ziemlich abgeschmacktes, modernes Liebeslied daraus verfertigt/" 
während Herder 1771 auf die ursprüngliche Form zurückging 
und den Ton des Volksliedes ausgezeichnet getroffen hat. 30 

Indessen hat weder dieses gewiss sehr originelle Volkslied, 
noch die Dichtungen im fünffüssigen gereimten jambischen Verse 
den Ruhm der Elizabeth Howe auf das Festland getragen, sondern 
ihre Briefe von Toten an Lebende (Letters from the dead to 
living), welche 1728 der Öffentlichkeit übergeben wurden. Auch 
ohne über die Entstehungszeit dieser merkwürdigen Blätter ge- 
nau unterrichtet zu sein, darf man wohl mit Sicherheit annehmen, 
dass die Sehnsucht nach dem früh geschiedenen Gemahl die Dich- 
terin immer wieder auf die Gedanken führte, denen sie in den Briefen 
Ausdruck gibt. Das Verhältnis der Beiden war ein sehr inniges 
gewesen, die peinliche Lösung desselben hintei liess im Herzen der 
Zurückgebliebenen zeitlebens die schmerzlichsten Gefühle. Ihr war 
der Glaube an Unsterblichkeit und Wiedersehen nach dem Tode 
ein unabweisbares Bedürfnis; auch in Anderen dieses für sie so 
tröstliche Bewusstsein zu werken, war ihr Gewissenspflicht. 

Nicht zu übersehen ist dabei, dass wir mitten in der Zeit des 
Deismus stehen. Anthony Co Hins hatte mit seinem n Discourse on 
Free Thinking u (1713) das Feuer wieder mächtig angefacht, John 
Toland's Schriften „Nazarcnus, or Jewish, Gentile, and Maho- 
metan Christianity" (1718) und das Pantheistikon (1720) waren in 
den Händen vieler Gebildeten. Auf welche Seite sich die fromme 
Frau Howe stellen sollte, konnte nicht die Frage sein-, aber sie 
konnte den Kampf gegen die schriftgewandten Philosophen und 
Theologen nicht aufnehmen. So blieb ihr nichts übrig, als einem 

»"Vgl. Erich Schmidt, Leasing I, 106, und Lessing, Briefe, die 
neueste Litteratur betreffend Nr. 33. 

10 E. Chr. v. Kleist, Sämtliche Werke. Bein 1765. I, 43. 

„Komm, Zama, komm! Lass deinen Unmut fahren, 

0 du, der Treis , 
Der Schonen, komm! In den zerstörten Haaren 
Hängt mir schon Eis. etc. 
»»Herders Volkslieder. Hg. von Redlich. Berlin 1885. p. 243, 236 u. 361. 
„Sonne, wirf den helleren Strahl auf den Orra-See! 
Ich möchte steigen auf jeden Fkhtengipfel, 
Wfiast' ich nur, ich siilie den Orra-See. etc. 



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engeren, ihrer Gesinnung ohnedies schon nahestehenden Kreise 
das Beseligende ihres Glaubens so recht handgreiflich zu schil- 
dern, und dass sie dazu die Form des Briefes wählte, dürfte bei 
einer Schriftstellerin, die im Jahrhundert Pascal's und der Madame 
de Sevigne geboren ist, kaum Uberraschen. 

Zwanzig Briefe aus dem Jenseits! wer befürchtet da nicht 
zahlreiche Wiederholungen? Die Sorge ist indessen ungerecht- 
fertigt. Wohl spricht das Glück der Erlösten fast aus jede»' 
Zeile, wohl hören wir viel von der Herrlichkeit des jenseitigen 
Lebens ; aber Elizabeth Rowe ist doch noch mit so vielen Banden 
ans Irdische gefesselt, dass die Manigfaltigkeit des Erden- 
daseins sich auch in den Reden ihrer Abgeschiedenen bunt wieder- 
spiegelt. Da schildert Einer, wie er in den prächtigen Gärten 
am Ufer des Bosporus sein Leben aushaucht , und wie die Ge- 
liebte, deren Tod ihn so ergriffen hatte, dass er auf weiten 
Reisen Trost und Vergessen hatte suchen wollen, ihm nun ent- 
gegentritt zu herzlichem Empfange (Letter 2); eine Verewigte 
legt ihrer noch lebenden Freundin auf den Toilettentisch ein 
Schreiben, in welchem sie diese dringend vor den Schlingen 
eines treulosen Liebhabers warnt (Letter 13); ein bekümmerter 
Vater fleht seinen Sohn, eine Herausforderung zurückzunehmen, 
die er eines Liebeshandels wegen an einen wohlmeinenden Freund 
gerichtet (Letter 18); Philander berichtet an Henrietta Uber 
seinen Schiffbruch an der Küste Indiens: „ohne Schrecken sank 
ich in die Tiefe und erblickte die Grundfesten der Berge; der 
Herr der Gewässer aber führte mich durch seine Kristall-Paläste 
und Korallen-Grotten, er zeigte mir die Gemächer aus Perlen 
und Bernstein und tausend andere Wunder, die dem Mensehen- 
geschlechte verborgen sind, seit die Gebirge aufgetürmt worden" 
(Letter 15). Verrät sich in solchen Schilderungen nicht die Be- 
kanntschaft mit den Voyages imaginaires und die Freude an 
denselben? — Ein türkischer Pascha sendet seinen Dank an 
den Konsul der Generalstaaten in Smyrna, der ihm durch Er- 
mahnung und Vorbild den Weg zur Ewigkeit ge wiesen (Letter 17); 
eine Schwester verkündet dem lebensfrohen Bruder, dass die 
Sandkörner seiner Uhr gezählt und seine letzten Augenblicke 
bestimmt seien, er möge nicht länger behaupten, Erscheinungen 
von Toten seien nur das Resultat von Furcht und aufgeregter 
Einbildungskraft : sie selbst habe vor ilim gestanden und flehe 



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ihn, seines Endes zu gedenken (Letter 10). — Liebesgeschichten, 
zum Teil recht verwickelter Art, werden besprochen; Schwierig- 
keiten in der Familie sucht der Abgeschiedene zu lösen; besonders 
ergreifend aber ist, wenn ein unschuldiges Kindchen, das im 
zweiten Lebensjahre der Mutter entrissen worden ist, zurück- 
kehrt, sie in ihreu Tränen zu trösten: was ist Reichtum dem 
Seligen? was vornehmes Geschlecht, was prächtiges altes 
Wappen, was Ansehen und Verehrung'? Alles sinkt wertlos 
dahin vor der Herrlichkeit des ewigen Lebens! (Letter 3). 

Neu sind ja all diese Ideen und Vorstellungen auch dem 
18. Jahrhundert nicht; Lucian und Fontenelle haben trotz ihrer 
Skepsis auch für die fromme Frau Rowe nicht umsonst gelebt; 
doch wird man begreifen, dass die anmutige Form Gefallen er- 
regte. Der Einfluss, den diese Briefe von Toten an Lebende 
auf Klopstock ausgeübt, ist von dessen Biographen gebührend 
hervorgehoben worden 31 . Schon in der ersten uns erhaltenen 
Ode dieses Dichters a * wird die besondere „Dunkelheit" der Rowe 
betont, und gewiss kann damit keine andere Schrift derselben ge- 
meint sein, als die erwähnten Briefe. Mit steigender Begeisterung 
scheint Klopstock sich in ihre Schriften vertieft zu haben ; denn 
schon im Mai 1748 nennt er sie die „göttliche Röwo", der „zärt- 
lich ihr Herz auch schlug" n . Kaum kann er von Unsterblichkeit 
und Jenseits sprechen, ohne dabei der „himmlischen, der frommen 
Singer" 34 zu gedenken; neben Fanny ist ihm die englische Dichterin, 
die „unsterbliche, tiefer denkende Singer"", die Muse, die ihn 
leitet, die er so gerne einmal im Leben getroffen hätte. 

„Nierauls lächelte mir Singer, der Lebenden 
Und der Toten Vereinerin* 
ruft er in Winterthur klagend aus, nachdem ihm das Glück 
geworden, Bodmer in seine Arme zu schliessen 3 ". Gewiss ist 
auch — wie Muncker hervorgehoben 37 — eine Stelle im Messias 
(V, 153), die Erwähnung eines glücklichen Sternes, auf dem 
unschuldige, unsterbliche Menschen wohnen, dem Vorbilde der 

31 Muncker, Klopstock p. 200, 205, 281, 320. 

1S Der Lehrling der Griechen ; Vers 28: „Der zu dunkel die Siug-er ist". 

31 In der Ode „I'etrarka nnd Laura", Vers 3ö;36. 

34 Der Abschied, Vers 21/22. 

33 Die Braut, Vers 22 23. 

3 «An Bodmer, Vers 1314. 

37 Muncker, Klopstock p. 200. 

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Elizabeth Rowe (Letter 5) zu verdanken; aber weit mehr noch 
als einzelne Wendungen und Ausdrücke scheint mir die ganze 
Stimmung Klopstock's in jenen Jahren nur durch den Einfluss 
der Engländerin erklärlich. Milton und Young hätten allein diese 
Richtung in dem jungen Dichter nicht hervorzurufen vermocht. 

Was das Herz des Messiassängers erfüllte, musste auch auf 
die übergehen, die mit ihm verkehrten, ganz besonders auf seine 
geliebte Gattin Margareta. Von lebhaftem Interesse für Dichtung 
schon früh ergriffen, wäre es zwar wohl denkbar, dass Meta 
selbständig die Briefe von Toten an Lebende kennen gelernt 
hätte, vielleicht hat auch hier Hagedorn in Hamburg ver- 
mittelt, ja nicht ausgeschlossen ist, dass die junge geistreiche 
Dame, die später mit Richardson ohne Schwierigkeit in englischer 
Sprache einen Briefwechsel führte, die Schriften der Frau Rowe 
im Original gelesen hatte — kurz, als Gemahlin Klopstock's 
beschäftigten sie die genannten Briefe so sehr, dass sie sich 
nicht enthalten konnte, dieselben nachzuahmen. Sie hat aber 
ihre Vorlage durchaus nicht erreicht, so ängstlich sie sich auch 
manchmal an dieselbe anklammert 3K , und ihr gegenüber möchte 
ich in weit höherem Grade die Bezeichnungen „nüchtern lehr- 
haft, oft sogar salbungsvoll", „asketisch — lehrhaft" anwenden, 
mit welchen der Klopstock-Biograph etwas zu freigebig die 
Rowe'schen Briefe glaubt charakterisiren zu müssen iv . 

Bald nach dem Tode der teuern Meta (November 1758) begann 
in Klopstock eine Wendung, die ihn von dem mystisch-süsslichen 
Tone langsam loslöste, und nach dem Jahre 1760 scheint er die 
Atmosphäre der Elizabeth Rowe bleibend verlassen zu haben. 

Zweifellos hatte der junge Klopstock seinen Rowe-Singer- 
Enthusiasmus von Leipzig und Langensalza auch nach Zürich mit- 
genommen und — so lange der Friede mit seinem Gastfreunde Bodnier 
währte — demselben wohl von seiner Begeisterung gesprochen. 
Nach dem Bruche setzte der beleidigte Alte all seine Hoffnung 
auf den seraphischen Wieland, welcher in der Tat die ihm 
vorgezeichnete Bahn willig und gehorsam durchlief. Im Ent- 
stehungsjahre des „Gepryften Abraham" (1753) verliessen auch 

Vgl. Hinterlassne Schriften von Margareta Klopstock. Hamburg 1759 
Per zweite Brief ist nach «lern dritten der Frau Rowe gebildet: Brief 3 hat 
Ähnlichkeit mit Letter 13, etc. 

«Mancher, Klopstock p. 200 u. 320. 



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neun „Briefe von Verstorbenen an liinterlassene Freunde" die 
Offizin von Conrad Orell & Comp, in „Zyrich", in welchen in 
etwa 4000 holprigen Hexametern das Thema der „Letters from 
the dead to the living" wieder aufgenommen wird. Dass Wieland 
direkt aus der Quelle geschöpft hat, ergibt sich leicht; der Brief 
des Theagenes an Alcindor enthält eine Beschreibung des Jen- 
seits, die sicherlich auf dem 5. Briefe der Frau Rowe beruht; 
oder wenn Eucrates dem ungläubigen Philedon beweist, dass 
er ihm erschienen und ihn zum GJauben an Visionen bekehren 
will, so muss der Dichter den 16. Brief gelesen haben ; — aber in 
der Behandlung welch ein Unterschied! Wie gerne gäbe man 
den Klopstock nachgeahmten Vers gegen die anspruchslose Prosa 
der Frau Rowe ; wie viel ansprechender ist die Kürze der Dichterin 
als der Bombast des begeisterten Jünglings! Und doch hat ge- 
rade auch die Behandlung eines schon bekannten Gegenstandes 
bei Wieland Interesse. Bei voller Unschuld und Frömmigkeit 
kann der brave Schützling Bodmers auch eine so ernste Sache 
wie das Verhältnis zwischen den Seelen des Jenseits und den 
irdischen Menschen des Diesseits nicht ohne eine gewiss«' Sinn- 
lichkeit behandeln, und wenn er die lieblichen G estalten trauern- 
der Mädchen, die roten Wangen, die weissen Arme besingt, so 
sieht man im Hintergrunde unwillkürlich den Faun schmunzeln, 
der erst nach Jahren in seiner wahren (nestalt sich gezeigt hat. 10 
Dass die Rowe'schen Briefe von Toten an Lebende weit über 
die Fünfziger Jahre hinausgewirkt, bezeugen allein Lavaters 

40 Köstlich ist die Kritik, die der schweizerische Swift, Johann Heinrich 
Wuser, Diakon in Winterthur, den „verstorbenen" Briefen Wielands gleich 
nach deren Erscheinen hat zu teil werdeu lassen : Briefwechsel zweyer Land- 
pfarrer «her Wielands Briefe der Verstorbenen. Erst abgedruckt im Neuen 
Schweitzerschen Museum 1793, I p. (i«>- 709, 721 TMi. — Waser hat den 
jungen schwäbischen Dichter ganz durchschaut. Er erzählt von ihm, er habe 
auch Anderes geschrieben, z.B. weltliche Lieder (werden wohl liederlich «renug 
sein), ein Buch genannt: „Des Brot ich iss des Lied ich sing*, und über sein 
Aussehen berichtet er: „AutoT soll ein junger Löffel seyn, etwa 20 Jahr alt; 
so dünn wie ein Räbstecken; wolle ein Reformator seyn, sitze beständig im 
Haus, habe Düptlin (sei pockennarbig), trinke keinen Wein, und gehe Abend» 
tun 8 Uhr odentlich mit einem Milchsüppli ins Bcth; sey ein Erzschineichler 
wem er wohl wolle; darneben «ranz diktatorisch, als ob er alles allein und 
am besten wüsse." — Man vgl. auch Hirzel: Wieland und Martin und 
Regula KUnzli. Leipzig 1891, p. 69. 



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geistliche Schritten schon hinlänglich ; doch wird der ursprüngliche 
Charakter mehr und mehr verwischt, die Züge, nach denen der 
alte Kern sich erkennen lässt, werden seltener, die Ausschmückung 
wird breiter und phantasiereicher. 

Die drei Teile der „Moralischen und unterhaltenden Briefe^ 
(1729—1733) dürfen zwar mit Hinsicht auf ihre Wirkung in der 
deutschen Literatur mit den „Letters from the dead to the 
living" nicht verglichen werden, aber an sich verdienen sie eine 
genauere Würdigung. " Nvht in überirdischen Vorstellungen 
bewegt, sich hier die Verfasserin, sondern auf dem Boden der 
reinen Wirklichkeit. Sie macht uns zu Zeugen zahlreicher Liebes- 
händel; Verführung, Gewalttat und andere Verirrungen spielen 
eine wichtige Rolle und mehrere Verwicklungen ziehen sich durch 
eine Reihe, von Briefen hindurch. Nur als einzelne Ruhepausen 
fügen sich poetische Stücke ein. 42 Nicht bloss für die Sitten- 
geschichte, wie sie in den Augen der Frommen jener Zeit sich 
wiederspiegelte, sondern auch für die Geschichte der englischen 
Prosadichtung sind diese Briefe äusserst wertvoll: sie gehören 
mit zu den Grundlagen , auf welche Samuel Richardson seinen 
Familienroman in Briefen aufbauen konnte. 

Verleiht uns das Facit dieses kurzen Überblickes über die 
bedeutendsten Werke der Elizabeth Rowe nun auch keineswegs 
das Recht, die englischen Literarhistoriker zu tadeln, wenn sie 
die wiirdige Frau in ihren Aufzählungen hervorragender Dichter 
übergehen, so ergibt sich doch, dass manches, Avas von der Hand 
dieser Schriftstellerin geschatfen worden , auch heute noch Be- 
rücksichtigung verdient; dass vor allem eine vorübergehende, 
zeitweise aber mächtige Strömung in der d eut sehen Dichtung 
kaum richtig gewürdigt, kaum in ihrem ganzen Umfange ver- 
standen werden kann ohne eine sorgfältigere Prüfung der paar 
Bändchen, welche den Namen der „göttlichen Rowe u tragen. 

41 Welche zu geben mich der vorgeschriebene Raum hindert. Auch «las 
Verhältnis von Wiehl nds Prosasehriften (z. B. Sympathien, Empfindungen des 
Christen) zu Elizabeth Rowe bedarf noch weiterer Erörterung. 

41 From Ladv Jane Gray to Lord Gnilford Dudley ; a poetical farewell. 
Vol. I, 148. 



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